«Ist das ein Vogel?» Die Frage kommt aus der Gruppe, die aufmerksam dem Abendkonzert der Natur lauscht. Zwischen Amsel und Zilpzalp erklingt ein ungewohnter Ruf. Die Antwort folgt wenig später: Nein, es ist eine Gelbbauchunke. Direkt neben dem Wanderweg lassen sich mehrere der seltenen und gefährdeten Amphibien in einem Tümpel beobachten – einer von vielen besonderen Momenten auf der Exkursion von Pro Riet ins Ober Weidist bei Altstätten.
Rund 60 Naturinteressierte sind der Einladung des Vereins gefolgt und machen sich am Mittwochabend nach einer kurzen Einführung bei der Forstgemeinschaft in drei Gruppen auf den Weg. Schon nach wenigen Minuten wird klar: Dieses Gebiet ist alles andere als gewöhnlich.
Vom Erdrutsch zum Naturparadies
2013 geriet nach anhaltenden Regenfällen ein ganzer Hang ins Rutschen. Sogar ein Stall wurde mitgerissen. Bis heute ist der Untergrund in Bewegung. Immer wieder entstehen neue Senken, Tümpel und offene Bodenstellen. Was zunächst nach einer Katastrophe klingt, hat sich zu einem Hotspot der Biodiversität entwickelt.
Der Jäger mit der schwarzen Maske
Kaum erreicht die erste Gruppe den Rutschhang, richtet sich der Blick auf einen seiner bekanntesten Bewohner. Auf einem Strauch sitzt ein Neuntöter. «Wenn ihr auf einem Busch etwas Helles sitzen seht, lohnt sich ein genauer Blick», erklärt Ornithologe Dominic Frei. Tatsächlich lassen sich im Verlauf des Abends mehrere der markanten Singvögel beobachten. Mit ihrer schwarzen Augenmaske und ihrem hakenförmigen Schnabel wirken sie fast wie kleine Banditen – da passt der Name Neuntöter irgendwie bestens. Diesen verdanken die Vögel einer ungewöhnlichen Jagdtechnik: Insekten und andere kleine Beutetiere werden auf Dornen aufgespiesst und für später aufbewahrt.
Immer wieder lenken weitere Vogelstimmen die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden auf sich. Ein kurzer Ruf verrät die Anwesenheit eines Schwarzspechts, später klingt es aus der Nähe fast wie ein Lachen. «Das ist ein Grünspecht», erklärt Frei. Neben zahlreichen Vogelarten finden auch Gämsen, Wildschweine, Rothirsche und Dachse im Ober Weidist geeignete Lebensräume.
Dynamik schafft Vielfalt
Die besondere Artenvielfalt ist kein Zufall. Der Hang rutscht weiter und schafft laufend neue Strukturen. Gleichzeitig wird das Gebiet extensiv beweidet. Die Weidetiere schaffen mit ihren Tritten offene Bodenstellen und kleine Mulden, in denen sich neues Leben entwickeln kann. So entsteht eine Landschaft, die sich ständig verändert und gerade deshalb vielen Arten wertvollen Lebensraum bietet. Neuntöter finden hier ideale Jagdgebiete, während die Gelbbauchunke von den immer wieder neu entstehenden Tümpeln profitiert.
Und als zum Abschluss sogar noch die Glögglifrösche ihr Konzert anstimmen, wird deutlich: Manchmal sind es gerade die unruhigsten Landschaften, in denen die Natur ihre grösste Vielfalt entfaltet.







