Fünf kleine Falken, 3‘000 Mäuse pro Jahr

Wer den Nistkasten auf dem Hof der Familie Eggenberger in Gams sucht, muss genau hinschauen. Das Einflugloch ist in eine Solarfassade integriert, eine humorvolle Werbetafel weist den Weg. Dahinter wachsen fünf junge Turmfalken heran – und sie stehen an diesem Abend, 11. Juni, im Mittelpunkt.

Rund 30 Mitarbeitende des Artenförderungsprojekts Schleiereule und Turmfalke von Pro Riet sowie ihre Familien sind gekommen. Gespannt verfolgen sie, wie Ornithologe Dominic Frei die Jungvögel in den Händen untersucht. Mit ruhiger Routine misst und wiegt er die Tiere, kontrolliert ihren Gesundheitszustand und legt ihnen einen nummerierten Aluminiumring an. Jeder Handgriff sitzt, damit der Ring den Vogel später nicht verletzt. Fünf Jungtiere, erklärt er, sind mehr als üblich – im Schnitt sind es vier. Und alle fünf sind kräftig. Ein Zeichen dafür, dass das Nahrungsangebot stimmt.

Der stille Jäger

Turmfalken sind die Mäusejäger Nummer eins unter den heimischen Falken. Im typischen Rüttelflug stehen sie scheinbar regungslos in der Luft und spähen nach Beute. Dank ihres scharfen Sehvermögens erkennen sie eine Maus aus grosser Höhe und greifen im Sturzflug an. Jedes Jungtier frisst rund zwei Mäuse pro Tag. Hochgerechnet ergibt das rund 3‘000 Mäuse pro Familie und Jahr. Ein natürlicher Vorteil, von dem die Landwirtschaft profitiert.

Ein Blick aus nächster Nähe

Als Frei mit einem Jungvogel durch die Gruppe geht, wird es mucksmäuschenstill. Nur der Falke ruft leise, während aus nächster Nähe seine grossen Augen, sein hakenförmiger Schnabel und die kräftigen Fänge genau betrachtet werden. Der älteste der fünf Jungvögel ist 23 Tage alt. Noch bedeckt heller Flaum seinen Körper, doch die Schwungfedern sind bereits erkennbar. In wenigen Tagen wird er seine ersten Flugversuche wagen.

Forschung mit Weitblick

Die Beringung liefert weit mehr als Momentaufnahmen einzelner Nester. Seit 19 Jahren sammelt Pro Riet diese Daten, welche der Schweizerischen Vogelwarte Sempach zur Verfügung gestellt werden. Daraus lasse sich laut Frei sehr viel herauslesen: etwa wie sich die Bestände entwickelten, wie sie gefördert werden könnten und wohin die Vögel unterwegs

seien. Ein im Pro Riet-Gebiet beringter Turmfalke konnte später in der Nähe von Pamplona in Spanien nachgewiesen werden – über 1‘000 km Luftlinie von seinem Schlüpfort entfernt.

Ein Projekt, das verbindet

Die Brut in Gams ist Teil eines grossen Artenförderungsprojekts. Seit 2006 engagiert sich Pro Riet gemeinsam mit Landwirten, Fachleuten und Freiwilligen für den Schutz von Schleiereule und Turmfalke. Heute betreut der Verein über 430 Nistkästen zwischen Sargans und Altenrhein, rund 15 Freiwillige erfassen die Brutdaten, im Kerngebiet werden zusätzlich Jungvögel beringt.

Wenn die fünf jungen Turmfalken von Gams in wenigen Tagen ausfliegen, beginnt für sie das Abenteuer. Vielleicht bleiben sie im Rheintal. Vielleicht führt ihr Weg eines Tages bis nach Spanien. Dank ihrer Aluminiumringe werden sie in jedem Fall Botschafter eines Projekts sein, das zeigt, wie erfolgreich Naturschutz und Landwirtschaft zusammenarbeiten können.

Einblicke in die Pro Riet-Nistkästen via Webcam: www.pro-riet.ch/webcam.